Was Bewegung im Gehirn bewirkt
Körperliche Aktivität kann im Gehirn ähnliche neurochemische Effekte auslösen wie eine Stimulanzien-Therapie, indem sie die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin erhöht. Genau in diesem System wird bei ADHS eine Fehlregulation vermutet, weshalb dieser Mechanismus als plausible Erklärung für eine Symptomlinderung gilt. Vereinfacht: Der Dopamin-Anstieg wird vor allem mit besserer Aufmerksamkeit verbunden, der Noradrenalin-Anstieg eher mit besseren exekutiven Funktionen wie Planen und Steuern.
Über die Botenstoffe hinaus fördert vor allem Ausdauersport die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren wie BDNF, der für Lernen, Gedächtnis und die Anpassungsfähigkeit von Nervenzellen wichtig ist.
Was die Studien zeigen
In der Zusammenschau von Studien reduzierte körperliche Aktivität bei Menschen mit ADHS sowohl Unaufmerksamkeit als auch Hyperaktivität und Impulsivität, jeweils mit einem moderaten bis deutlichen Effekt. Diese Studien umfassten allerdings überwiegend Kinder und Jugendliche. Speziell für Erwachsene deutet eine Meta-Analyse darauf hin, dass Bewegung die Impulskontrolle verbessert, die Autorinnen und Autoren betonen aber, dass es bislang vergleichsweise wenig Forschung zu Erwachsenen gibt.
Eine schwedische Studie ließ erwachsene Betroffene drei Monate lang angeleitet 150 Minuten Kraft- und Fitnesstraining pro Woche absolvieren. Danach hatten sich die Symptome in der Trainingsgruppe deutlich reduziert, und die Teilnehmenden berichteten von besserem Schlaf und höherer Lebensqualität. Manche Effekte zeigen sich schon nach einer einzigen Einheit: Nach 30 Minuten Radfahren schnitten Personen besser ab als nach 30 Minuten Fernsehen.
So setzt du es um
- Niederschwellig anfangen. Gehen, Joggen, Schwimmen, Radfahren. Wichtiger als die Sportart ist, dass sie leicht erreichbar und regelmäßig machbar ist.
- Frequenz und Dauer. Studien zur Konzentration arbeiten oft mit zwei bis drei Einheiten pro Woche ab 30 Minuten, die schwedische Erwachsenen-Studie mit 150 Minuten pro Woche.
- Den Soforteffekt nutzen. Ein zügiger Spaziergang oder eine kurze Radfahrt vor einer Aufgabe, die Fokus braucht, kann kurzfristig die Aufmerksamkeit anheben.
- Ausdauer und Kraft kombinieren. Diese Mischung wird in der Fachliteratur als günstig beschrieben, Ausdauer gilt als besonders förderlich für BDNF.
- Struktur hilft. Kleine, angeleitete Gruppen erleichtern das Dranbleiben. Freude an der Bewegung schlägt Wettkampfdruck.
Eine ehrliche Einordnung
Bewegung ist laut Fachliteratur eine preiswerte, ergänzende Behandlungsstrategie, kein Ersatz für eine medizinische Behandlung. In der Behandlung Erwachsener gelten Medikamente und oder Psychotherapie als Kernbausteine. Eindeutige, leitlinienfähige Empfehlungen zur konkret besten Sportart und Dosis gibt es derzeit nicht, gerade für Erwachsene ist die Evidenz noch begrenzt. Bei gesundheitlichen Vorerkrankungen vor dem Start ärztlichen Rat einholen.
Weiterlesen
ADHS und Schlaf →Alltagsstrategien bei ADHS →Der Weg zur Diagnose (myway) →
Quellen
Alle Aussagen oben stützen sich auf diese öffentlich zugänglichen Fachquellen, zuletzt geprüft im Juni 2026:
- German Journal of Sports Medicine, Sport bei ADHS
- ADxS.org, BDNF
- Meta-Analyse zu körperlicher Aktivität bei ADHS (PMC)
- Meta-Analyse, körperliche Aktivität bei Erwachsenen mit ADHS (PMC)
- aponet.de, Sport mildert ADHS-Symptome bei Erwachsenen
Hinweis: Der fachliche Rahmen orientiert sich an der deutschen S3-Leitlinie ADHS (AWMF 028-045) sowie der NICE-Leitlinie NG87. Einzelne Detailbelege stammen aus den oben verlinkten Quellen.