Begleiterkrankungen sind eher die Regel
Bei Erwachsenen mit ADHS sind zusätzliche psychische Erkrankungen eher die Regel als die Ausnahme. Ein großer Teil der Betroffenen hat im Lauf des Lebens mindestens eine weitere Diagnose, am häufigsten depressive Störungen und Angststörungen.
Die Studienlage nennt für eine Depression sehr unterschiedliche Häufigkeiten, in einem großen Teil der Untersuchungen entwickelt etwa jede zweite betroffene Person im Lauf des Lebens eine depressive Störung. Auch Angststörungen treten deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung, die Spannweite reicht von etwa einem Viertel bis zur Hälfte der Betroffenen.
Warum das so oft zusammenkommt
Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen gemeinsame biologische Wurzeln: Die Studienlage deutet auf teils geteilte genetische und neurobiologische Grundlagen hin. ADHS ist stark erblich, und genetische Faktoren überlappen sich mit denen von Depression und Angst.
Zum anderen spielt bei Erwachsenen oft ein zweiter Weg eine Rolle. Viele haben über Jahre wiederholte Misserfolge, Ablehnung und Selbstzweifel erlebt. Ein dadurch geschwächtes Selbstwertgefühl gilt als Risikofaktor für Ängste und Depressionen, die so zusätzlich zur ADHS entstehen können.
ADHS und Begleiterkrankungen verstärken sich dabei oft gegenseitig. Angst kann Aufmerksamkeitsprobleme verschärfen, und die Schwierigkeiten der ADHS können wiederum Angst begünstigen. Fachleute beschreiben das als wechselseitigen Kreislauf.
Das Problem mit der Diagnose
Weil sich die Symptome überlappen, ist die Diagnose schwierig. Konzentrationsprobleme, innere Unruhe und Antriebsschwankungen passen sowohl zu ADHS als auch zu einer Depression oder Angststörung. So wird bei Erwachsenen oft nur die Begleiterkrankung erkannt, während die zugrunde liegende ADHS unentdeckt bleibt. Bleibt sie unbehandelt, steigt mit der Zeit das Risiko für Folgeprobleme, von beruflichen Schwierigkeiten bis zu weiteren psychischen Erkrankungen.
Was das für die Behandlung heißt
Ein wichtiger Grundsatz: Beide Seiten gehören behandelt, nicht nur eine. Wird nur die Depression therapiert, bleiben die ADHS-Probleme oft bestehen, und umgekehrt. Liegt eine schwere Depression oder starke Angst vor, wird laut Leitlinienprinzip häufig zuerst diese stabilisiert und danach erneut geprüft, welche ADHS-Symptome noch bestehen. Die konkrete Reihenfolge legt die behandelnde Fachperson individuell fest.
Wenn du wegen einer Depression oder Angst in Behandlung bist und seit Kindheit oder Jugend mit Konzentration, innerer Unruhe und Selbstorganisation kämpfst, darfst du eine mögliche ADHS aktiv ansprechen. Sie bleibt im Erwachsenenalter häufig unerkannt.
Weiterlesen
ADHS und Suchtrisiko →Emotionen und ADHS →Der Weg zur Diagnose (myway) →
Quellen
Alle Aussagen oben stützen sich auf diese öffentlich zugänglichen Fachquellen, zuletzt geprüft im Juni 2026:
- Fu et al. 2025, Review zu ADHS-Komorbiditäten (Frontiers in Psychiatry / PMC)
- ADHS Deutschland, Begleiterkrankungen bei ADHS
- Neurologen und Psychiater im Netz, ADHS im Erwachsenenalter ist unterdiagnostiziert
- gesundheitsinformation.de, ADHS bei Erwachsenen
Hinweis: Der fachliche Rahmen orientiert sich an der deutschen S3-Leitlinie ADHS (AWMF 028-045) sowie der NICE-Leitlinie NG87. Einzelne Detailbelege stammen aus den oben verlinkten Quellen.