LOG 01

ADHS und KI - ein Selbstversuch

Es gibt keine kontrollierte Studie dazu, ob ein Sprachmodell Erwachsenen mit ADHS im Alltag wirklich hilft. Ich liefere auch keine. Ich dokumentiere, wie ich als Unternehmer mit ADHS arbeite, seit KI dabei ist, und gehe dabei einer These nach. Öffentlich, mit den Fehlversuchen.

6 Minuten Lesezeit Stand August 2026 Logbuch · Eintrag 9
Porträt von Tom Frerich, Selfie am Abend vor einer Fensterfront.
Der Versuchsleiter ist die Versuchsperson.

Es ist kurz nach zehn, mein Sohn schläft, und ich sitze vor einer Aufgabe, die ich seit vier Tagen vor mir herschiebe. Nicht weil sie schwer ist. Sie ist vielleicht zwanzig Minuten lang. Ich komme nur nicht rein.

Das kennst du wahrscheinlich. Und du kennst wahrscheinlich auch den Ratschlag, der dann kommt: bessere Planung, klarere Prioritäten, ein System. Ich habe die Systeme. Ich habe sie mehrfach gekauft.

Seit ein paar Monaten mache ich etwas anderes. Ich lasse die Umgebung sich an mich anpassen statt umgekehrt, und zwar mit KI. Ab heute schreibe ich mit, was das bringt. Und was es nicht bringt.

Eins vorweg, damit keine falsche Erwartung entsteht: Das ist kein Experiment unter definierten Bedingungen. Ich bin kein Labor. Ich bin ein Unternehmer mit ADHS, der seinen Arbeitsalltag aufschreibt, während er ihn umbaut, und der dabei einer These nachgeht.

Warum ich es aufschreibe statt es zu behaupten

Die Kurzfassung: Es gibt die Studie nicht, auf die ich mich berufen könnte.

Ich habe im Vorfeld 80 Quellen zusammentragen und bewerten lassen, und der ehrlichste Befund darin ist eine Leerstelle. Zu der Frage, ob Sprachmodelle Erwachsenen mit ADHS im Alltag wirklich helfen, existiert keine kontrollierte Studie. Es gibt gute Theorie dazu, es gibt Analogien, es gibt Produktversprechen. Aber keinen Beweis.

Was es gibt, ist eine belastbare Logik dahinter. Die klassische ADHS-Therapie arbeitet mit Externalisierung: Was das Arbeitsgedächtnis nicht hält, wird nach außen verlagert, in Listen, Wecker, sichtbare Struktur. Ein Sprachmodell ist, nüchtern betrachtet, eine sehr mächtige Externalisierungsmaschine. Der Schluss liegt nahe. Nahe liegen ist aber kein Befund.

Und es gibt einen zweiten Befund, der mir wichtiger ist als jedes Versprechen: In den Studien zu KI am Arbeitsplatz profitieren die Schwächeren am stärksten, die Leistungsverteilung schiebt sich zusammen. Das ist gut für dich und für mich. Es ist aber kein Wettbewerbsvorteil, sondern ein Nachteilsausgleich. Wer dir etwas anderes verkauft, hat die Studien nicht gelesen.

Worauf ich dabei achte

Vier Dinge, an denen ich merke, ob etwas trägt. Keine Messgrößen im wissenschaftlichen Sinn, dafür fehlt jede Kontrolle. Vier Fragen, die ich mir stelle, wenn ich am Ende eines Arbeitstages aufschreibe, was war.

  1. Was ist fertig geworden. Nicht, was ich angefangen habe. Was fertig ist.
  2. Zeit bis zum Anfangen. Minuten zwischen „ich weiß, was zu tun ist" und dem ersten echten Handgriff. Das ist bei mir die teuerste Zahl.
  3. Taugt das Ergebnis etwas. Meine eigene Einschätzung, und wo es geht die von jemandem, der nicht weiß, wie es entstanden ist.
  4. Was es gekostet hat. Ein produktiver Tag ist wertlos, wenn der nächste dafür ausfällt.

Dazu notiere ich, welche Werkzeuge im Spiel waren. Nicht als Toolliste, sondern damit später nachvollziehbar ist, was an welchem Aufbau hing.

Und der unbequeme Teil: Die Tage, an denen nichts läuft, kommen mit rein. Ein Logbuch, das nur Erfolge meldet, ist Werbung.

Was das Ganze nicht ist

Es ist keine Studie, und es ist auch kein sauberes n-of-1. Keine Kontrollgruppe, keine Verblindung, keine festgelegten Bedingungen, und der Versuchsleiter ist die Versuchsperson. Alles hier beschreibt genau einen Menschen an genau seinen Tagen.

Es ist auch keine Erfolgsgeschichte. Die Sorte kennst du: der Gründer mit ADHS, der es geschafft hat, drei Namen aus dem Silicon Valley, und du sollst dich daran aufrichten. Das Problem daran ist statistisch: Für jeden dieser Namen gibt es tausende, die dieselbe Diagnose haben und in keinem Buch vorkommen. Die Durchschnittszahlen sind hart, und sie stehen später hier, nicht im Kleingedruckten.

Was es ist: ein Logbuch. Öffentlich, mit Datum, mit den Fehlversuchen. Wer daraus eine Regel für sich ableitet, tut das auf eigene Rechnung.

Warum ich es öffentlich mache

Zwei Gründe, und der zweite ist der ehrlichere.

Erstens sind digitale Hilfen für Erwachsene mit ADHS gerade dabei, Regelversorgung zu werden. Seit Juli 2025 steht die erste App für Erwachsene mit ADHS im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, verordnet vom Arzt, bezahlt von der Kasse. Wenn die Solidargemeinschaft anfängt, für externalisierte Struktur zu zahlen, ist die Frage, was davon wirklich trägt, keine Nischenfrage mehr.

Nur: Diese App ist ein festes Therapieprogramm mit zwölf Modulen, kein Assistent, der sich an deinen Dienstag anpasst. Die Wirksamkeitszahlen dazu kommen bisher vom Hersteller, aus einer Pilotstudie gegen eine Wartekontrollgruppe. Das ist ein Anfang, aber es beantwortet meine Frage nicht. Für strukturierte Therapie-Apps gibt es inzwischen Daten. Für das, was ich mache, nämlich ein Sprachmodell als Alltagsassistenz, gibt es keine.

Zweitens: Ich baue parallel zwei Dinge, und beide sollen aus diesem Experiment kommen, nicht aus einer Idee. Ein Buch über ADHS im KI-Zeitalter. Und eine App, die genau das automatisiert, was sich hier als tragfähig herausstellt. Beides erscheint, wenn das Experiment durch ist, nicht vorher. Was hier scheitert, kommt in keine Software.

Das heißt auch: Wenn die Zahlen nichts hergeben, steht das hier. Dann war es das teuerste Nein, das ich mir je selbst geschrieben habe. Damit kann ich leben, mit einer Behauptung ohne Deckung nicht.

Der persönliche Teil, kurz

Die Diagnose kam spät, und der Preis dafür ist bezahlt worden, bevor irgendjemand wusste, wofür. Ein abgebrochenes Studium. Jahre, in denen ich dachte, ich sei einfach schlechter im Erwachsensein als alle anderen. Und eine Beziehung, die daran zerbrochen ist. Ich lebe in Trennung und sehe meinen Sohn die Hälfte der Zeit.

Ich halte die ADHS für den Grund. Das ist meine Deutung meines eigenen Lebens, kein Satz über deins. Ich weiß, wie verlockend es ist, aus so einer Geschichte eine allgemeine Regel zu machen. Das mache ich hier nicht.

Was ich dir sagen kann: Mir haben nie Fähigkeiten gefehlt... mir haben Leitplanken gefehlt. Und dreißig Jahre lang hat mir niemand gesagt, dass man die auch selbst bauen kann.

Was daraus werden soll

Aus dem, was hier zusammenkommt, entstehen zwei Dinge. Ein Buch über ADHS im KI-Zeitalter. Und FLOW COCKPIT, eine App, die das übernimmt, was sich hier als tragfähig herausstellt. Beides parallel, beides erst danach veröffentlicht.

Begleitet wird das Ganze vom Podcast. Der informiert thematisch und allgemein, und dazwischen stehen unregelmäßige persönliche Folgen mit mir und von mir.

In der Praxis: wenn du mitschreiben willst

Du brauchst dafür kein Tool und keine App.

  1. Nimm zwei Fragen, nicht vier. Fang mit dem Anfangen und mit den Kosten an. Der Rest kommt von allein.
  2. Nimm dir einen festen Moment dafür. Bei mir abends, wenn mein Sohn schläft. Ein fester Ort schlägt einen guten Vorsatz.
  3. Schreib den Aufbau mit auf, nicht nur das Ergebnis. Welches Werkzeug, welche Uhrzeit, welcher Zustand.
  4. Erst sammeln, dann bewerten. Solange es wenige Einträge sind, siehst du nur Rauschen.
  5. Notier die Fehlversuche zuerst. Sie sind das Einzige, was dich vor dir selbst schützt.

Das ist kein Programm. Das sind vier Fragen und ein Notizbuch.

Was als Nächstes passiert

Das Logbuch läuft. Der erste Zwischenstand kommt, wenn genug zusammengekommen ist, nicht nach Kalender. Mit dem, was wirklich passiert ist, auch wenn es langweilig ist.

Bis dahin: Wenn du eine Zahl kennst, die ich vergessen habe, schreib sie mir. Ich habe noch Platz in der Tabelle.

Belege

  • Erste DiGA für Erwachsene mit ADHS, Aufnahme ins BfArM-Verzeichnis im Juli 2025, Pilotstudie mit 307 Teilnehmenden gegen Wartekontrollgruppe: Pressemitteilung des Herstellers vom 08.08.2025, referiert bei Gelbe Liste Online. Die Wirksamkeitsangaben stammen vom Hersteller.
  • Fehlende kontrollierte Studien zu Sprachmodell-Assistenz bei ADHS, Externalisierungs-Logik nach Barkley, Kompressionseffekte von KI am Arbeitsplatz: eigenes Recherche-Dossier, 80 Quellen, Stand August 2026. Die Einzelnachweise erscheinen mit dem Buch.

Vier Fragen, ein Notizbuch. Wenn du mitschreiben willst, fang mit zweien an.

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